Carrie (Kimberly Peirce, USA 2013)

#horrorctober 7

Als ich vor einiger Zeit gehört habe, dass „Boys Don’t Cry“-Regisseurin Kimberly Peirce „Carrie“ verfilmt, war ich sehr gespannt. Ein weiblicher Blick auf die Novelle von Stephen King, der andere Aspekte der Geschichte betonen würde als die Filmversion von Brian de Palma hätte mich sehr interessiert. Das Ergebnis ist allerdings viel weniger spektakulär als ich gehofft habe.

Die schüchterne Carrie White (Chloë Grace Moretz) lebt mit ihrer religiösen Mutter Margaret (stark: Julianne Moore) zusammen und ist in der Schule die absolute Außenseiterin. Als sie nach dem Schulsport unter der Dusche zum ersten Mal ihre Regel bekommt, wird die weinende Carrie von ihren Mitschülerinnen mit Tampons beworfen und dabei gefilmt. Chris Hargensen (Portia Doubleday), die das Video dreht und ins Netz stellt, wird daraufhin zur Strafe vom Schulball ausgeschlossen. Um Rache zu nehmen, plant sie, Carrie, die von dem attraktiven Tommy zum Ball eingeladen wird, auf der Feier vor der ganzen Schule noch einmal bloß zu stellen.

Um „Carrie“ – egal ob in der Inszenierung von de Palma oder von Peirce – richtig schätzen zu können, muss zunächst ein Missverständnis ausgeräumt werden. Und zwar, dass es sich um einen klassischen Horrorfilm handelt. Es geht aber nicht darum, Angst und Schrecken auszulösen. Es ist vielmehr ein Entwicklungsdrama und eine Art Gedankenexperiment: Am Beispiel von Carrie White wird gezeigt, was ein (mehr oder weniger) normaler Teenager alles auszuhalten hat. Selbstverständlich wird nicht jeder Teenager derart grausam gemobbt, doch auch viel weniger eindrückliche Erfahrungen können ein hohes Maß an subjektivem Leid hervorrufen. Der Trick der King-Geschichte ist, dass er ein von seiner Umwelt gedemütigtes Kind mit übernatürlichen Fähigkeiten ausstattet. Was wäre, – so die Grundprämisse des Stoffs – wenn sich der ganze Druck, der auf einem Kind lastet, mit einem Mal entladen würde? Interessant ist, dass die Sympathien des Zuschauers eindeutig auf Seiten des gepeinigten Mädchens liegen. Klar, schließlich wird sie von ihrer Mutter und ihren Mitschülerinnen auf unterschiedliche Weise gequält. Bei realen Gewalttaten an Schulen, von denen der Amoklauf an der Columbine High School wahrscheinlich zu den medial einflussreichsten gehört, verlaufen die Sympathien und Begründungsmuster ganz anders. Aber das nur nebenbei.

Was de Palma aus dem Stoff gemacht hat, halte ich für großartig (ein paar Sätze dazu hier). Und auch der Film von Peirce ist formal und inhaltlich nicht schlecht. Das ist kein Wunder, handelt es sich doch bis auf Details fast um den gleichen Film. Für das Drehbuch sind Roberto Aguirre-Sacas und Lawrence D. Cohen verantwortlich, wobei letzterer schon die Version von 1976 geschrieben hat. Offensichtlich hat sich Cohen stark an der eigenen Arbeit orientiert. Und auch Peirce scheint nicht wirklich eine Idee gehabt zu haben, wie sie der Geschichte etwas Neues abgewinnen soll. Ein Detail, das den Versuch deutlich macht, den Stoff etwas zu modernisieren, ist das Handyvideo, das die Mitschülerinnen von Carrie unter der Dusche drehen. Und das Video landet selbstverständlich gleich auf Youtube. Und das war’s dann auch schon mit der „Innovation“.

Warum Peirce trotz der Ähnlichkeit insgesamt doch einen wesentlich weniger hervorragenden Eindruck macht als der Film von de Palma, hat für mich vor allem zwei Gründe. Der erste: Peirce inszeniert zu sehr mit dem Holzhammer. Schon de Palma ist sicher kein Meister der subtilen Zwischentöne, aber da wo ihm ein Paukenschlag reichte, braucht Peirce gleich ein ganzes Motörhead-Konzert. Mir war das zu grell, zu laut und irgendwie unterfordernd. Seltsam, von Peirce hätte ich einen subtileren Film erwartet. Der zweite Grund ist Chloë Grace Moretz. Während die junge, vor allem aus dem mistigen „Kick Ass“ bekannte Darstellerin als Vampir in „Let The Right One“, dem Remake von Tomas Alfredsons Meisterwerk „Låt den rätte komma in“ eine gute Figur macht, scheitert sie an der Figur der Carrie. Jedenfalls habe ich ihr die Rolle nicht wirklich abnehmen können. Ich finde sie vom Typ eher unpassend, ihre Haltung und Mimik übertrieben; und wenn sie telekinetisch aktiv wird, hat ihre Gestik unfreiwillig komisch an Magneto erinnert.
Noch einmal: Insgesamt ist das Remake „Carrie“ kein schlechter Film. Die Geschichte ist stark und zeitlos, die Inszenierung etwas vordergründig, aber solide. Und mit Julianne Moore gibt es zumindest ein schauspielerisches Highlight. Mir will nur nicht so richtig einleuchten, warum es diesen Film überhaupt geben muss oder eher: warum gerade Peirce ihn machen wollte. Aber warum „Carrie“ noch einmal verfilmen, wenn niemand der hinreichend erschütternden Vorlage etwas hinzuzufügen hat, außer einer Handykamera? Der Schrecken wird dadurch nicht größer.

Und wer noch mal nachlesen will, warum ich de Palmas „Carrie“so mag, kann hier tun.

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